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Christiane Hoffmann : Alles, was wir nicht erinnern

2022

„Was wollen Sie hier?“ – „Ich gehe den Weg meines Vaters.“ – „Zu Fuß?“ – „Zu Fuß.“ – „Allein?“ – „Allein.“

Diesen Dialog führt sie öfters: die Journalistin Christiane Hoffmann, die den 550 km langen Fluchtweg ihres Vaters genau 75 Jahre später nach-wandert. Aus dem schlesischen Dorf Rosenthal (heute Rózyna) machte sich der Treck im Januar 1945 auf der Flucht vor der Roten Armee auf nach Westen bis nach Klinghart (heute Křižovatka) im Egerland.

„Alles, was wir nicht erinnern“ heißt der Bericht über diese abenteuerliche Gedenk-Wanderung der Tochter. Das Buch ist gleichermaßen eine biografische Spurensuche, eine liebevolle Annäherung an den verstorbenen Vater, ein Essay über Verschweigen, Vergessen und transgenerationale Traumata, und nicht zuletzt eine Betrachtung über das Fortwirken der existenziellen Grenzerfahrung von Flucht und Vertreibung bis in unsere Tage.

„Brauchen Menschen Heimat? Waren wir nicht alle einmal Nomaden? (…) In diesen Tagen sind auf der Erde so viele Menschen auf der Flucht, wie Deutschland Einwohner zählt. Und wie viele Menschen tragen dieses Schicksal in sich? Die Hälfte der Menschheit? Mehr?“

Berührend sind die Begegnungen mit den Nachfahren derjenigen, die nach dem Krieg in den Häusern der Geflohenen heimisch wurden. Auch sie waren zumeist Vertriebene: Menschen aus den östlichen Teilen Polens, die Stalin umsiedeln ließ.

„Flucht ist die letzte und radikalste Entscheidung, die man in einem Leben treffen kann.“ So zitiert Hoffmann die Kulturanthropologin Aleida Assmann und spürt dieser Aussage auf sehr persönliche Weise nach.

So ist ein sprachlich eindringliches und emotional kraftvolles Werk entstanden. Historisch aufschlussreich, menschlich tiefgründig und nicht zuletzt eine Mahnung vor den Schrecken des Krieges und seiner Folgen.

Christiane Hoffmann: Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters. |. Verlag C.H.Beck, München 2022. 279 Seiten.

Besprechung vom Nov. 2025