Ian McEwan : Was wir wissen können
2025
Ian McEwan blickt aus der Zukunft auf unsere Zeit
Wir schreiben das Jahr 2119. Großbritannien ist nach einer Flutkatastrophe zu einem Archipel geworden, der Meeresspiegel ist drastisch gestiegen, Städte wie New York sind versunken, politische Verschiebungen haben die Weltordnung radikal verändert.
Die Menschheit ist zwar fast um die Hälfte dezimiert, die Ethnien sind größtenteils durchmischt, aber es lässt sich leben auf der Erde – unter allerlei Einschränkungen sogar recht gut, man kennt es ja nicht anders. Es wird immer noch gearbeitet und gefeiert, geliebt und betrogen, intrigiert und kooperiert, gelacht und geweint. Menschen machen Kunst oder verschreiben sich der Wissenschaft.
So auch der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe, der einem verschollenen Gedicht, einem Meisterwerk aus dem Jahr 2014, nachspürt und dabei tief in die Lebensgeschichte des Dichters Francis Blundy und seiner Frau Vivien eintaucht. So meint er zumindest.
Denn der Roman mit dem programmatischen Titel „Was wir wissen können“ thematisiert ganz nebenher auch die Grenzen des Wissens, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen und die Konstruktion von Biografien.
Universitätsdozent Metcalfe und noch mehr seine Studierenden zu Beginn des 22. Jahrhunderts wundern sich über die frappierende Sorglosigkeit der Menschen gegenüber den multiplen Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Klimakrise, Artensterben, Ressourcenknappheit und Kriegsgefahren.
Aber wie gut können sich Forschende in 100 Jahren in unsere Zeit hineindenken, nur weil sie Zugriff auf unsere Hinterlassenschaften, vor allem unsere digitalen Spuren haben?
Der Roman spielt mit den Grenzen von Erkenntnis und historischer Forschung und entfaltet darunter eine subtil-spannende Handlung zwischen Liebesgeschichte, Tragödie und Verbrechen.
Ein Roman, der die Lesenden intellektuell fordert und emotional berührt – und lange nachhallt.
Ian McEwan: Was wir wissen können. Roman. Diogenes Verlag Zürich 2025. 480 Seiten.
Besprechung vom März 2026
