Juli Zeh : Leere Herzen | Neujahr
2017 | 2018
Juli Zeh - immer hochaktuell, spannend und lesenswert
Juli Zehs großer Gesellschaftsroman „Unterleuten“ erschien im März 2016 (besprochen im Sept. 2016), der Nachfolgeromen „Leere Herzen“ folgte im Herbst 2017 und ihr jüngstes Buch „Neujahr“ kam vor zwei Monaten [2018] heraus. Fast ein bisschen unheimlich, diese Produktivität der Schriftstellerin und promovierten Juristin. Vielleicht entwickelt sie ein neues Romanprojekt jeweils schon, während das vorhergehende noch im Entstehen ist?
Juli Zeh ist zudem eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen in Deutschland, die sich in vielen Debattenbeiträgen – ob in Fernsehen oder Presse – klar positioniert, als leidenschaftliche Kämpferin für demokratische Grundrechte eintritt und mahnende Einwände gegen den Verlust jeglicher Privatheit erhebt, die fast jede/r heutzutage befürchten muss angesichts der Leuchtspur, die die meisten von uns im Internet, v.a. in sozialen Netzwerken hinterlassen.
Wohin das führen könnte, zeigt Zeh in ihrem Roman „Leere Herzen“, der im Jahr 2025 spielt. Die BBB („Besorgte-Bürger-Bewegung“) stellt die Bundeskanzlerin, das Gemeinwesen funktioniert wie eine gut geölte Maschine, dank der „Effizienzpakete“, die die Regierung nacheinander verabschiedet und dabei demokratische Mitbestimmung stillschweigend und quasi nebenher kassiert.
Effizient arbeitet auch die Hauptfigur des Romans, Britta. Sie betreibt eine „Heilpraxis“ namens „Brücke“, die suizid-gefährdete Menschen mittels eines klug ausgetüftelten Algorithmus im Internet aufspürt und sie einer mehrstufigen Evaluation, sprich einem Härtetest unterzieht, im Laufe dessen sich die meisten von ihren Selbstmord-Plänen verabschieden und aus Dankbarkeit hohe Honorare zahlen. Die wenigen anderen werden an terroristische Organisationen jeglicher Couleur vermittelt, damit der Selbstmord „höheren“ Zwecken dienen möge. Klare Regeln begrenzen die Opferzahl, Kollateralschäden sind zu vermeiden, entscheidend ist die politische Botschaft. Wenn schon Amok, dann in geregelten Bahnen.
Eine Kandidatin, Julietta, erzählt nebenbei, das einzige Lebewesen, das sie vermissen wird, sei ihre Katze Jessie, benannt nach einer Romanfigur. Vermutlich ein dezenter Hinweis von Juli Zeh auf ihren eigenen allerersten Roman „Adler und Engel“ (2001), deren weibliche Protagonistin Jessie wie Julietta eine unergründliche Kindfrau ist, bei der unterdrückte Zartheit und unerbittlicher Zynismus eine faszinierende Mischung eingegangen sind.
Genau diese Julietta ist es in „Leere Herzen“, die Britta, als die Dinge kompliziert werden, die Widersprüche in ihrem Denken vor Augen führt und ihr hilft, alte Prinzipien und Ideale, die unter desillusionierter Effizienz verschüttet waren, wiederzuentdecken.
So lässt Juli Zeh mit gewohnt stringenter Handlungsführung und smartem Sprachduktus die Dinge sich überschlagen und führt sie einem überraschenden Ende zu. Die Botschaft indes ist deutlich: Unsere demokratisch verfasste Gesellschaft ist in Gefahr, und noch haben wir es in der Hand, wie sich die Dinge entwickeln. Meiner Meinung nach ist „Leere Herzen“ bei aller befremdlichen Zuspitzung ein großartiger Roman, ein „echter Juli Zeh“!
Mit gemischten Gefühlen habe ich dagegen die Lektüre von „Neujahr“ beendet. Natürlich, auch dieser Roman entwickelt den typischen Sog einer spannenden Handlung, man kann das Buch kaum aus der Hand legen. In einigen Besprechungen hieß es zudem, nun endlich sei der moderne Mann in der Literatur angekommen. Das ist er wohl: Henning, der Protagonist, leidet darunter, immer und überall seinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.
Die Manuskripte stapeln sich ungelesen auf seinem Lektoren-Schreibtisch; dass er der Familie zuliebe Teilzeit arbeitet, wird ihm von niemandem gedankt; seine Kinder liebt er, dennoch nervt ihn der häusliche Alltag, ebenfalls Teilzeit, zwischen Kita und Kochtopf. Und die Beziehung zu Theresa, seiner selbstbewussten Frau? Auch nicht unkompliziert.
All dies reflektiert er und schwitzt er aus, während er sich am Neujahrstag mit dem Rennrad einen Pass auf der Ferieninsel Lanzarote hinaufquält. 87 Buchseiten lang. Doch dort holt ihn die Erinnerung an ein in Kindertagen erlittenes Trauma ein, für ihn selbst und für die Leser/innen überraschend.
Man darf wohl davon ausgehen, dass Juli Zeh wie immer gründlich recherchiert hat und die in diesem Roman offenbar werdenden psychologischen Verwerfungen sich so zutragen könnten. Aber, nach der körperlichen Tortur des erwachsenen Henning, weitere 82 Seiten lang aus der Perspektive des fünfjährigen Jungen dessen lange verschütteten Erinnerungen nachzuerzählen, ist im Ergebnis für den Leser zumindest gewöhnungsbedürftig. Und ob die (Er-)Lösung am Ende für Henning tragfähig ist und alles besser macht, darf bezweifelt werden.
Die angestrebte „gerechte“ Arbeitsteilung in modernen Partnerschaften, die Überforderung durch all die hohen Ziele, der Spagat zwischen Theorie und praktischer Lebenswirklichkeit: von all dem wird in „Neujahr“ zwar indirekt erzählt. Diskutiert oder in einem spannenden Paarkonflikt zugespitzt wird das Thema jedoch nicht. Dennoch: auch „Neujahr“ verspricht fesselnde Lesestunden.
Juli Zeh: Leere Herzen. Roman. Luchterhand Literaturverlag München 2017. 348 Seiten.
Juli Zeh: Neujahr. Roman. Luchterhand Literaturverlag München 2018. 191 Seiten.
Besprechung vom November 2018
