Robert M. Zoske : Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen
2020
Im Umfeld des 100. Geburtstags von Sophie Scholl (am 9. Mai 2021) waren die Medien voll von Artikeln, Dokumentationen und Filmen. Sophie Scholl ist eine Ikone geworden, eine Nationalheilige fast.
Warum eigentlich? Sie war die Jüngste und sie war die einzige Frau in der konspirativen studentischen Gruppierung „Die Weiße Rose“ – das macht sie auf besondere Weise geeignet als Projektionsfläche. Vergessen wird dabei manchmal: ohne ihren älteren Bruder Hans Scholl hätte es die Widerstandsgruppe nicht gegeben, denn er war die treibende Kraft. Sophie kam erst später hinzu.
Sophie Scholl wurde gerade auch in jüngerer Zeit von den unterschiedlichsten Bewegungen vereinnahmt. Indem man Zitate aus dem ursprünglichen Zusammenhang reißt und in einen neuen Kontext stellt (oder ihr auch falsche Zitate unterschiebt), lässt sich fast jedes Anliegen mit ihrem Namen legitimieren.
Die „Verklärung“ der Sophie Scholl begann schon kurz nach dem Krieg mit ersten Aufzeichnungen ihrer älteren Schwester Inge Scholl. Natürlich ist es verständlich, dass die nicht in die Widerstandsaktivitäten eingeweihte Schwester im Nachhinein versuchte, die innere Entwicklung der beiden Mitglieder der „Weißen Rose“ (Hans und Sophie Scholl) als zielgerichtet zu verstehen und darzustellen. Nur klang es eben irgendwann so, als wäre Sophie die Widerständigkeit quasi in die Wiege gelegt worden.
Erst als nach dem Tod von Inge Aicher-Scholl sämtliche Briefe, Tagebücher und auch andere Dokumente der Familie Scholl der wissenschaftlichen Aufarbeitung zugänglich wurden, begann eine gründliche historische Untersuchung ihrer Bewegung und ihres Werdegangs. Die Dissertation von Sönke Zankel (2006) und eine Monografie von Barbara Beuys (2010) gelten als unverzichtbare Referenzwerke hierzu.
Der Theologe Robert M. Zoske hat sich vor einigen Jahren schon intensiv mit Hans Scholl beschäftigt und 2018 eine Biografie („Flamme sein!“) über ihn vorgelegt. Er gilt als profunder Kenner der Familie Scholl. In letzten Herbst erschien sein Werk: „Sophie Scholl: Es reut mich nichts“ mit dem Untertitel „Porträt eine Widerständigen“.
Zoske zeichnet darin ihre innere Reifung detailliert nach. Sophie und alle ihre Geschwister waren jahrelang begeisterte Mitglieder der Hitler-Jugend, Sophie übernahm Führungsaufgaben im Bund Deutscher Mädel (BDM). Erst allmählich begann sie, Fragen zu stellen und Widersprüche als solche zu erkennen. Dabei kamen ihre kritische Intelligenz, künstlerische Kompetenz, eine fast obsessive Naturverbundenheit und vor allem eine ungewöhnliche, übergroße Empathie-Fähigkeit zum Tragen.
Sophie Scholl war eine außergewöhnliche junge Frau, aber in vieler Hinsicht auch „ganz normal“: in ihren Freuden und Sehnsüchten, in dem Überdruss an der Schule, der sie zuweilen überfiel, in ihrer schwankenden Verliebtheit, in den großen philosophischen Fragen, in die sich ein junger Mensch zuweilen geradezu hineinwirft.
Sophie Scholls Gedankengänge aus Briefen und Tagebucheinträgen nachzuzeichnen, gelingt Zoske sehr überzeugend. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei auch ihrer spirituellen Entwicklung. Aufgewachsen in einem aufgeklärt-protestantischen Elternhaus, in dem der Glaube gelebt wurde, wurde Sophie Scholl später auch von einer spezifisch katholischen Frömmigkeit angezogen. Das Ringen um Glaubensgewissheit und schließlich um die Frage, welche konkreten Folgen, also Taten, aus einem als richtig erkannten christlichen Fundament erwachsen müssen – das wird in Zoskes Biografie nachvollziehbar dargestellt.
Diese gipfelt in einem starken Schlusswort: „Was bleibt? Eine Gewissheit: Keine Politik, Ideologie oder gesellschaftliche Norm ist alternativlos. Eine Ermutigung: Glaube gibt Kraft zu Personalität, Widerstand und Freiheitskampf. Eine Zuversicht: Jede und jeder kann ihrem und seinem Gewissen mehr gehorchen als den Menschen.“
Es lohnt sich überdies, in den Weiten des Internets nach durchaus auch älteren Berichten und Interviews aus dem Umfeld der Scholl-Familie zu suchen.
Zum Beispiel nach dieser Diskussion unter mehreren Scholl-Biografen unter dem Titel „Wem gehört Sophie Scholl?“:
https://www.zeit.de/2021/19/sophie-scholl-widerstandskaempferin-nationalsozialismus-geburtstag?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x
Oder diesem Interview von 2013 mit der letzten überlebenden Schwester, Elisabeth, 100-jährig verstorben im Februar 2020:
https://www.mainpost.de/ueberregional/bayern/schwester-von-hans-und-sophie-scholl-erzaehlt-art-7315226
Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt eine Widerständigen. Propyläen in Ullstein Buchverlage GmbH Berlin, 2020. 448 Seiten.
Besprechung vom Juni 2021
