Takis Würger : Für Polina
2025
„Für Polina“ von Takis Würger hat mich von der ersten Seite an begeistert. Man macht Bekanntschaft mit Charakteren, die sich sofort einprägen, über die man mehr erfahren will, denen man auf ihren keineswegs geradlinigen Lebenswegen gebannt folgt.
Da sind zwei junge Frauen, die ein Zimmer auf der Entbindungsstation teilen, zwischen denen eine lebenslange Freundschaft entsteht, die ihre sehr besonderen Kinder alleine aufziehen werden.
Diese beiden, Hannes und Polina, sind bei all ihrer Gegensätzlichkeit umwerfende Hauptpersonen, gesegnet mit herausragenden Spezialbegabungen. Besonders Hannes hat ein singuläres musikalisches Talent und reagiert schon als Säugling vor allem auf Wohlklang.
Wie diese Kinder durch eine besonders innige Freundschaft verbunden sind, wird einfühlsam beschrieben. Aber hält diese Verbindung auch im erwachsenen Leben?
Der Autor Takis Würger findet für dieses moderne „Märchen“ einen unwiderstehlichen Erzählton. In wenigen kräftigen Strichen werden die Figuren gezeichnet, Haupt- und Nebenfiguren im abwechslungsreichen Geschehen gleichermaßen. Jede einzelne sieht man sofort vor sich, kennt ihre Macken und liebenswerten Eigenheiten.
Wie von unsichtbaren Fäden durchzogen entsteht ein Erzähltableau, in dem einprägsame, scheinbar nebensächliche Details unvermutet an entscheidender Stelle wieder aufscheinen. Keines ist überflüssig, so beiläufig hingetupft es zunächst auch wirken mag.
Klang und Musik spielen eine Hauptrolle in diesem Roman, und es ist umwerfend, wie glaubwürdig und nachvollziehbar Takis Würger von deren emotionaler Wirkung zu erzählen vermag. „Es war keine Zauberei. Oder vielleicht doch. Wann war Musik jemals etwas anderes als Zauberei?“
Puristen könnten ein paar Einwände gegen diesen Roman erheben: zu viele Klischees, zu bemüht manch eine Wendung in der Handlung. Für mich fällt das nicht ins Gewicht. „Für Polina“ habe ich Seite für Seite genossen. Was für eine großartige Erzählstimme!
Takis Würger: Für Polina. Roman. Diogenes Verlag Zürich 2025. 291 Seiten.
Besprechung vom April 2026
